Der Cats’Meat Man / Seller (Katzenfleischhändler) oder der beste Freund jeder Katze
Stell dir vor, du gehst durch das neblige London des Jahres 1880, und plötzlich folgt einem Mann eine Schar von Dutzenden Samtpfoten. Wohlgemerkt laut miauend. Hmm, stelle es dir vor wie die Geschichte vom Rattenfänger von Hammeln, halt nur mit Katzen und ohne magische Flöte.
Ahh, das Bild ist da!
Willkommen in der Welt des „Cats‘ Meat Seller“ – einem Berufstand, der eine ganze Stadt ernährte, Katzen glücklich machte und europäische Touristen in peinliche Verwirrung stürzte.
Wenn das Katzenfutter frei Haus geliefert wird
Lange bevor es bunte Futterdosen, Trockennahrung oder Online-Tierfutterabos gab, funktionierte die Versorgung der Londoner Samtpfoten nach einem erstaunlich effizienten System: dem Cats’ Meat Man.
Tagtäglich zogen hunderte dieser Straßenhändler durch die kopfsteingepflasterten Gassen der viktorianischen Metropole. Auf ihren hölzernen Handkarren oder in großen Weidenkörben trugen sie gekochtes Fleisch – meist billiges Organ- oder Pferdefleisch aus den städtischen Abdeckereien –, das sorgfältig in mundgerechte Happen geschnitten und auf kleine Holzspieße (den skewers) gesteckt war.
Für einen Penny pro Spieß erhielten die Haushalte ihr tägliches „Katzenfutter-Abo“. Der Händler warf das Fleisch entweder direkt durch den Briefschlitz oder reichte es der Haushälterin an der Küchentür.
„Cat’s Miiint!“ – Ein Ruf, den jede Katze kannte
Die Händler waren in den Vierteln Legenden. Mit ihrem unverwechselbaren Straßenruf – einem langgezogenen „Cat’s Miiint!“ oder „Meat! Meat!“ – kündigten sie ihr Kommen an. Legendär war dabei das Phänomen, das Zeitzeugen immer wieder beschrieben: Schon Straßen weit entfernt erkannten die Katzen der Nachbarschaft das Klappern der Holzspieße oder die Stimme ihres Händlers. Binnen Minuten sammelte sich eine miauende Gefolgschaft um den Karren, die dem Cats’ Meat Man treu von Haustür zu Haustür folgte.
Die berüchtigte Anekdote von Mrs. Beeton
Wie bizarr dieser Brauch auf Fremde wirkte, hält die berühmte viktorianische Haushaltsexpertin Isabella Beeton in ihrem Klassiker Book of Household Management (1861) fest. Sie erzählt von einem französischen Besucher, der sich enttäuscht über die britische Küche beklagte:
„Ich finde es äußerst praktisch, dass man mir das Rindfleisch auf kleinen Holzstöckchen für einen Penny direkt an die Tür bringt– aber kulinarisch ist es wirklich kein Genuss!“
Sein britischer Gastgeber antwortete entsetzt: „Um Himmels Willen, mein Herr! Sie haben Katzenfleisch gegessen.“
Ob Verwechslung oder städtische Legende: Der Cats’ Meat Seller war aus dem Alltagsleben des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Katzen waren im dicht besiedelten, von Ratten geplagten London überlebenswichtig – und ihr Versorger damit einer der heimlichen Helden der Straße.
Quellenangabe: Isabella Beeton, Mrs. Beeton’s Book of Household Management (1861), Chapter XIII: „Recipes – Beef“, Section „FRENCH BEEF“ (Para 626).